Wenn ein Ort wie Kropp mit den Jahren alt wird

(Kropp, 09.07.2015) Der Anteil der über 80-Jährigen steigt in Kropp bis zum Jahr 2030 um fast 200 Prozent – der zweithöchste Anstieg bundesweit. Nicht alle Kommunen in Schleswig-Holstein können dem demografischen Wandel einen Standort-Vorteil entgegensetzen.

Wenn Bürgermeister Stefan Ploog durch sein beschauliches Kropp bei Schleswig geht, kann er sich sich nicht beklagen: „Wir haben die größte Schule im Kreis, und unsere Kindergärten sind voll“, sagt er. Doch die gestern veröffentlichte Statistik der Bertelsmann-Stiftung spricht eine andere Sprache. Bis zum Jahr 2030 soll der Anteil der über 80-Jährigen in Kropp um 197,5 Prozent anwachsen – bundesweit der zweithöchste Anstieg in einer Kommune.

Ploog ist dennoch entspannt. „Älter werden gehört zum Leben dazu“, sagt der 48-Jährige. Und Kropp sei eben nicht nur für junge, sondern auch für ältere Menschen attraktiv. „Wir sind Standort des Diakoniewerkes mit 500 vorrangig älteren Bewohnern und mit unserer zentralen Lage auch ein beliebtes Zuzugsgebiet für Senioren.“ So erklärt sich der Bürgermeister die Sonderstellung seines 6000-Einwohner-Ortes in der neuen Statistik.

Doch nicht alle Kommunen in Schleswig-Holstein können dem demografischen Wandel einen Standort-Vorteil entgegensetzen. Sie stehen vor großen Herausforderungen. „Wir haben vielerorts Probleme, Schul- und Kindertagesstättenstandorte aufrecht zu erhalten“, warnt Jan-Christian Erps, geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Schleswig-Holsteinischen Landkreistages. Hinzu kommt ein steigender Pflegebedarf älterer Menschen, für die es schon jetzt zu wenig Fachkräfte gibt. Selbiges gelte für Ärzte und anderes medizinisches Personal. „Die Abwanderung junger Menschen wird dadurch noch befördert“, so Erps.

Bis 2030 werden die Krankenhäuser im Norden 16,5 Prozent mehr Patienten zu versorgen haben. Das prognostiziert die Krankenhausgesellschaft in Kiel – etwa 90.000 Patienten. „Statt der Geburtshilfe werden Fachrichtungen wie die Augenheilkunde, die Orthopädie und die Urologie eine größere Rolle spielen“, sagt der Geschäftsführer Bernd Krämer.

Ein Trend, den auch die Kassenärztliche Vereinigung bestätigt. „Mit steigendem Lebensalter nimmt die Wahrscheinlichkeit zu, ernsthaft zu erkranken. Chronische Krankheiten wie Diabetes oder Demenz treten immer häufiger auf“, sagt Pressesprecher Marco Dethlefsen. Das Problem: Auch Hausärzte werden älter. 1900 Hausärzte im Norden seien 60 Jahre oder älter. Das seien mehr als 600 Ärztinnen und Ärzte, für die Nachfolger gefunden werden müssen. „Trotz der vielfältigen Anstrengungen bleibt fraglich, ob alle Praxisstandorte erhalten werden können.“

Die Kommunen im Norden arbeiten schon seit Jahren an Lösungen für die veränderten Anforderungen durch den demografischen Wandel. Und manch ein Schleswig-Holsteiner nimmt das selbst in die Hand. So wie die Initiatoren des Ladelunder Bürgerbusses. Immer mehr Dörfer werden vom öffentlichen Nahverkehr abgeschnitten, weil sich die Linien für die Busunternehmen nicht mehr rentieren. Ein Problem für Menschen ohne Auto. Der Bürgerbus füllt diese Lücke mit Hilfe ehrenamtlicher Fahrer.

Wenn sich die Altersstruktur seiner Kunden verändert, muss auch der Handel umdenken. Seit 2010 gebe es ein Zertifikat für das „generationenfreundliche Einkaufen“, sagt Monika Dürer vom Einzelhandelsverband Nord. „Man muss auf die individuelle Entwicklung der Menschen im Älterwerden eingehen.“ 63 Kriterien für ein idealtypisches Geschäft wurden in Zusammenarbeit mit Experten entwickelt, eingeteilt in drei Stufen. Grundlegende Kriterien für die Aufnahme und Einordnung in Stufe A sind etwa breitere Gänge, rutschfestere Böden, gut lesbare Schilder, einfache Orientierung sowie Sitzgelegenheiten und größere Umkleidekabinen. Stufe B beinhaltet unter anderem stolperfreie Parkplätze und eine geprüfte Mitarbeiter-Servicequalität, Stufe C schließlich dreht sich um Lieferservice, Taxiruf oder Annahmestellen für Post.

„2010 wurde das erste Unternehmen zertifiziert, heute gibt es in Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern schon über 300 Unternehmen“, berichtet Verbandssprecherin Dürer. Sie sind erkennbar am Label mit einem weißen Einkaufskorb auf Rollen vor orangenem Hintergrund. Edeka habe den Kriterienkatalog bereits als Basis für alle Neubauten übernommen.

Der Lieferservice für Lebensmittel nach Hause sowie rollende Supermärkte in der ländlichen Region seien im Kommen, sagt Dürer. Es gebe auch Überlegungen, Kunden von zu Hause abzuholen und zum Einkauf zu bringen. „In Essen und Düsseldorf bieten zwei findige Jungunternehmer das Konzept ,Emmas Enkel’ an. Die Kunden können gemütlich beim Kaffee sitzen, ihren Einkauf am Tablet-Computer zusammenstellen, und Mitarbeiter packen alles fertig zusammen.“


Liste der Altersstruktur der Gemeinden
         

        


Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

von Tobias Fligge
erstellt am 09.Jul.2015 | 10:36 Uhr


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